Bibelmarathon - Vorwort (1)

Gedanken zum Matthäusevangelium


Vorwort


Menschen sind „unheilbar religiös“ las ich kürzlich. Und ich glaube, dass das stimmt. Es gibt in jedem Menschen eine tiefe, unstillbare Sehnsucht, die durch keine irdische Erfahrung gestillt werden kann. Weder Essen noch Trinken, weder Reichtum noch Macht, weder Sex noch Drogen, weder Arbeit noch Vergnügen, weder Sport noch Kultur, weder Wissen noch Reisen noch sonst irgendein Erlebnis kann dieses Vakuum füllen. Es ist eine Sehnsucht, die auf das Transzendente, auf das Jenseits ausgerichtet ist.

Irgendetwas scheint dem Menschen verloren gegangen zu sein, was er nun unter Aufbietung ungeheurer Energien sucht. Dabei entfaltet der Mensch eine unglaubliche Kreativität und ist in die verschiedensten Richtungen gleichzeitig unterwegs, um das Verlorene aufzuspüren. Eine gewaltige Psycho-Industrie versucht ihm diverse Wege in sein Innenleben, zu seinem ultimativen Selbst zu eröffnen. Eine gigantische Reise-Branche bereitet ihm den Weg bis in den letzten Winkel der Erde, um dort zu finden, was er sucht. Geheimnisvoll und geschäftstüchtig zugleich erfindet die Esoterik immer neue Spielarten, um auf okkulten Wegen das Geheimnis zu lüften, während eine übermächtige Unterhaltungsindustrie alles tut, um ihn in einer Traumwelt seine tiefste Sehnsucht einfach vergessen zu lassen. Sport- und Kulturveranstaltungen versprechen durch virtuoses Geschick das Rätsel zu lösen. Ein unzählbares Heer von Pädagogen, Dozenten, Coachs und Mentoren setzt weltweit jährlich Milliarden damit um, die Menschen durch die Macht des Wissens ihrem Ziel näher zu bringen, während Millionen der besten Gehirne in einer exzessiven naturwissenschaftlichen Forschung den tiefsten Zusammenhang des Seins versuchen ans Licht zu zerren. Schließlich lockt der Materialismus mit der einfachen Formel, dass der „Stein des Weisen“ in Konsum und Genuss zu finden sei.

Begierig gibt sich der moderne Mensch am liebsten gleichzeitig all den verschiedenen Lösungsangeboten hin, um dann, in bestimmten Stunden und Situationen erstaunt festzustellen, dass seine Sehnsucht noch genauso ungestillt ist wie zuvor. Es war der berühmte christliche Lehrer Augustin, der diese Sehnsucht auf den schlichten Nenner brachte: „Unruhig ist mein Herz in mir, bis es Ruhe findet Gott, in Dir!“ Das Heimweh und Fernweh des Menschen, das was ihn wirklich im tiefsten Grunde antreibt, sind eben nicht die Triebe, wie es die Psychologie meint ausfindig gemacht zu haben. Die Rastlosigkeit des Menschen entspringt seiner Trennung von Gott. Der Mensch spürt, dass er nicht das Ergebnis einer Kette von zufälligen Mutationen ist, sondern dass er geschaffen, für einen Zweck gemacht und mit konkretem Auftrag auf diese Welt entsandt worden ist, aber er hat die Verbindung zu dem, der das in die Wege leitete, zu seinem Schöpfer, verloren. Dieser Verlust macht ihn ratlos und damit zu einem Suchenden.


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